Apr
26
2018

1968: 10 Alben, die Geschichte schrieben

1968 in music

Vietnamkrieg, Prager Frühling, Studentenunruhen, die Morde an Martin Luther King und Robert F. Kennedy – die Welt befindet sich 1968 in schweren Turbulenzen. Hierzulande sorgt das Attentat auf Rudi Dutschke für verhärtete Fronten und aufgeregte Diskussionen, die Hörgewohnheiten der Deutschen indes lassen nicht gerade auf einen nahenden Umsturz deuten: Heintje grüßt die gesamte zweite Jahreshälfte lang von der Spitze der Albumcharts. International allerdings sorgt das musikalische 1968 für Furore. Neben den Beatles mit ihrem WHITE ALBUM und den Rolling Stones mit BEGGARS BANQUET prägen weitere bekannte Namen das Jahr, doch auch neue Künstler wie Janis Joplin oder Sly Stone finden ein großes Publikum. Elvis Presley und Johnny Cash feiern – der eine im Fernsehen, der andere im Gefängnis – Triumphe und beleben ihre Karrieren neu, Jimi Hendrix veröffentlicht sein drittes und letztes Studioalbum, Paul Simon zeichnet ein grauschwarzes Bild vom amerikanischen Traum.

🎵 🎶 Songs aus diesen legendären 1968er Alben und mehr Hits aus dem Jahr (The Beatles, The Rolling Stones, CCR, The Doors, Manfred Mann, Sonny & Cher, The Monkees, Steppenwolf, Small Faces, The Kinks, Frank Zappa, uva.)  findet ihr übrigens in der Playlist 1968 in Music:

Wir präsentieren zehn Alben eines durch und durch außergewöhnlichen Jahres:

Simon & Garfunkel Bookends 19681. Simon & Garfunkel “BOOKENDS”
(erschien am 3. April 1968)

Weniger als zwei Jahre liegen zwischen BOOKENDS und dem Vorgänger PARSLEY, SAGE & ROSEMARY AND THYME, doch in diesen 18 Monaten hat sich nicht nur die Musikwelt maßgeblich verändert. Durch den Krieg in Vietnam wird der Tod in den USA zum allgegenwärtigen Thema – mit Demonstrationen, Unruhen und dem Summer Of Love als Gegenpol. Als Beobachter und Chronist lässt Paul Simon all diese Ereignisse in seine Texte einfließen und beschreibt auf BOOKENDS den Weg des Lebens. Eingerahmt vom Hauptthema bewegen sich die Songs von der Kindheit bis zum Alter mit seinen angesammelten Verlusten. Dass es sich dabei auch um den amerikanischen Traum handelt, wird am deutlichsten auf “America”, in dem sich ein Paar auf die Reise und Suche begibt. Simon schreibt für BOOKENDS einige der bewegendsten Zeilen seiner Karriere. So heißt es bei “Old Friends”: “Preserve your memories, they’re all that’s left you”. Das Konzeptalbum zwischen Kammerspiel und Dokumentation wirft einen realen und doch verstörenden Blick in den Abgrund. Einen Tag nach der Veröffentlichung wird Martin Luther King ermordet. Mit “Mrs. Robinson”, das in einer Rohversion kurz zuvor durch den Film „THE GRADUATE“ (dt. “DIE REIFEPRÜFUNG”) bekannt geworden ist, enthält BOOKENDS zudem einen der größten Hits des Duos.

 Sly & The Family Stone Dance To The Music2. Sly & The Family Stone “DANCE TO THE MUSIC”
(erschien am 27. April 1968)

Mit dem Titelsong setzen Sly & The Family Stone ein erstes großes Ausrufezeichen, dem in den folgenden Jahren weitere folgen werden. Die Band und ihr Stil sind ein kunterbunter Mischmasch: In der Familie spielen neben Slys Bruder Freddie und Schwester Rose auch Trompeterin Cynthia Robinson und Bassist Larry Graham sowie mit Greg Errico (Schlagzeug) und Jerry Martini (Saxophon) zwei weiße Musiker. Derartige Verbindungen sind “A whole new Thing”, wie Sly Stone sein Debüt im Jahr zuvor betitelt. Doch sein Soul-Funk verhallt zunächst weitgehend ungehört. Ein Hit muss her. Ein Song, der ein breites Publikum anspricht und gleichzeitig den Sound der Band definiert. Als DANCE TO THE MUSIC 1968 erscheint, stürmt es mit seiner Kombination aus psychedelischen Elementen und Pop in die amerikanischen Charts. Anfangs mokieren sich die Mitglieder über die Anbiederung an den Mainstream, doch ihr Sound findet schnell Nachahmer in der Landschaft der Black Music, von den Temptations bis zu den Jackson 5. Ihre Popularität nutzen Sly und seine Gang bald für soziale und politische Statements. In diesem Jahr werden ihre Stimmen zum ersten Mal von einer breiten Öffentlichkeit gehört.

Johnny Cash Folsom Prison Album 3. Johnny Cash “AT FOLSOM PRISON” (erschien im Mai 1968)

Für die Karriere von Johnny Cash ist der “Folsom Prison Blues” von einschneidender Bedeutung. Mit ihm landet er Ende 1955 nicht nur seinen ersten großen Hit, Textzeilen wie “I shot a man in Reno, just to see him die” verschaffen ihm dazu das Image eines toughen Kerls, der vielleicht selber schon im Knast gesessen hat. Cash erhält Briefe von Gefangenen, die ihn bitten, für sie zu spielen. Ende des Jahrzehnts beginnt bei einem Gefängnisrodeo in Texas die lange und intensive Beziehung zwischen dem Sänger und den Häftlingen. Cash denkt bald daran, ein Live-Album in einem Gefängnis aufzunehmen, doch erst 1968 ist es soweit. Und es ist höchste Zeit dafür, denn seine Karriere droht zu versanden. Im Folsom-Gefängnis gelingt Cash die Wiederauferstehung. An diesem 13. Januar verzichtet er auf fast alle seiner großen Hits und stellt ein spezielles Programm für die Insassen zusammen. Er zieht damit nicht nur die Häftlinge auf seine Seite, auch die Hörer außerhalb der Gefängnismauern begeistert Cash mit seiner aufrichtigen Performance und dem Engagement für eine Reform des Justizvollzugs. Spätestens ab jetzt ist er nicht mehr nur ein Country-Sänger, sondern eine Ikone der Musikgeschichte.

Miles Davis Miles In The Sky4. Miles Davis “MILES IN THE SKY” (erschien am 22. Juli 1968)

1968 ist ein Jahr der Umwälzung und der grundlegenden Veränderungen – auch für Miles Davis. Die Entwicklungen dieser Zeit bewegen die Musik des rastlos getriebenen Virtuosen hin zu eindringlicheren, elektrisch verstärkten Sounds. Zur gleichen Zeit greift Miles das Tremolo auf, das er in der Musik von James Brown, Jimi Hendrix und Sly Stone gehört hat. Auch der Einfluss der Beatles lässt sich nicht leugnen. Der Albumtitel ist nicht nur an den Beatles-Song “Lucy In The Sky With Diamonds” angelehnt, ähnlich wie die Fab Four begann er im Studio zu experimentieren. MILES IN THE SKY markiert Davis’ Übergang vom Modalen zum Fusion-Jazz. Das Album ist das fünfte und letzte mit dem zweiten Miles-Davis-Quintett, mit dem der Innovator Musikgeschichte schrieb: Tony Williams (Percussion), Herbie Hancock (Klavier), Wayne Shorter (Tenor-Saxophon), Ron Carter (Bass) und Gast George Benson (Gitarre). Was 1968 mit MILES IN THE SKY begann, weitete sich auf der bahnbrechenden 1969er Doppel-LP BITCHES BREW zu einem absoluten Rocksound aus. MILES IN THE SKY ist ein großer Wendepunkt in Miles Musik und zählt zu seinen besten Alben.

Janis Joplin Cheap Thrills LP5. Big Brother And The Holding Company “CHEAP THRILLS” (erschien am 12. August 1968)

Ein Weltstar wird geboren. Nachdem Big Brother bei ihrem Auftritt auf dem Monterey Pop Festival im Jahr zuvor beachtliche Aufmerksamkeit erlangt hatten, wird das Major-Label-Debüt von Janis Joplin zu einem der am meisten erwarteten Alben von 1968. Und nach seiner Veröffentlichung schnell zu einem der erfolgreichsten: CHEAP THRILLS thront acht Wochen an der Spitze der Charts, angeschoben vom Top-40-Hit “Piece of My Heart” überschritten die Verkaufszahlen bereits im ersten Monat die Millionengrenze. Der rohe Sound des Albums fängt wirkungsvoll die energiegeladenen und kraftvollen Konzerte der Band ein. Die Songs strotzen vor Intensität und liefern eine bis heute faszinierende Kombination aus roher Emotion und Zurückhaltung, vor allem Joplins Gesang packt das Publikum vom ersten Moment an. Ende 1968 beschließt Janis ihren Alleingang und trennt sich von Big Brother. Aus rockhistorischer Sicht ist CHEAP THRILLS eine kaum hoch genug zu bewertende Scheibe mit einigen der besten Perfomances einer der legendärsten Künstlerinnen ihrer Zeit.

Jefferson Airplane Crown Of Creation LP6. Jefferson Airplane “CROWN OF CREATION” (erschien im September 1968)

Auf dem Vorgänger AFTER BATHING AT BAXTER’S hatte San Franciscos Aushängeschild die Folkwurzeln gekappt und mit ausufernden Strukturen experimentiert, CROWN OF CREATION zeigt die Band auf den ersten Blickt wieder etwas zugänglicher. Doch der Eindruck trübt, denn derart düster hatte man das Sextett bislang nicht erlebt. Im Opener “Lather” setzt Sängerin und Autorin Grace Slick ein Statement über das Altern in einer Gesellschaft, die die ewige Jugend glorifiziert. Spätestens beim Titelsong wird es dann philosophisch. Sein Tenor: “Wir sind die Krone der Schöpfung. Und was machen wir jetzt damit?” Auch das Finale versprüht wenig Hoffnung: “The House at Pooneil Corners” dreht sich um eine mögliche Apokalypse, der Atompilz über Hiroshima auf dem Cover steht bildlich für das Ende der “Krone der Schöpfung”. Das Originalalbum zeigt auf dem Innencover auch einen positiven Weg in die Zukunft auf: einen jungen Hund namens Brumus. Sein Herrchen: Robert F. Kennedy, für den die Band im Februar 1968 gespielt hat. Vier Monate später ist er tot. Und mit ihm ein weiterer Teil des amerikanischen Traums. “The House at Pooneil Corners” ist Jefferson Airplanes Reaktion auf die traumatischen Ereignisse eines für Amerika einschneidenden Jahres.

Jimi Hendrix Electric Ladyland7. Jimi Hendrix “ELECTRIC LADYLAND” (erschien am 16. Oktober 1968)

Im Vorjahr ist Jimi Hendrix zum neuen Stern am Gitarrenhimmel aufgestiegen und hat mit virtuoser Technik, innovativen Sounds und überbordender Kreativität von London ausgehend die Welt erobert. Ständig auf der Suche nach dem ultimativen Ausdruck gönnt er sich und seiner Band kaum Ruhepausen. Mit ELECTRIC LADYLAND kommt er diesem Ziel am nächsten – und vergrätzt dafür sogar langjährige Gefährten. Die neuen technischen Möglichkeiten im Studio – zwölf statt vorher vier Aufnahmespuren – beflügeln den Gitarristen. Er beginnt zu experimentieren. Das Motiv von “Crosstown Traffic” bläst er auf einem mit einem Taschentuch umwickelten Kamm, für “Voodoo Chile” holt er jede Menge Gäste ins Studio, darunter Steve Winwood und Jefferson-Airplane-Bassist Jack Cassady. Manager Chas Chandler wirft entnervt das Handtuch, Jimis Version des eben erst von Bob Dylan veröffentlichten “All along the Watchtower” fordert dann einen weiteren Tribut. Die Aufnahmen sind der Anfang vom Ende der Zusammenarbeit mit Bassist Noel Redding. Das Ergebnis indes gibt Hendrix Recht – nicht nur Autor Dylan ist von seinem Song beeindruckt, auch der Rest der Welt nimmt ELECTRIC LADYLAND fest in die Arme. Und wird bald wehmütig zurückblicken, denn es ist das letzte Studiowerke des Revolutionärs aus Seattle.

Elvis Comeback 688. Elvis Presley: “ELVIS COMEBACK ’68 (Unplugged lange vor MTV) NBC TV Special” (erschien am 22. November 1968)

Hat der King seine besten Tage hinter sich? Das glaubt in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre nicht nur die Beat-Generation. Kein Wunder, denn Elvis Presley verbrachte das Jahrzehnt fast ausschließlich an Filmsets. Die seifigen Ergebnisse spülen zwar jede Menge Dollar in die Kassen, doch sein Ruf als bahnbrechender Künstler droht daran zu zerbrechen. Das sieht auch Manager Colonel Tom Parker. In einem Fernseh-Special will er einen neuen Elvis präsentieren. Ursprünglich als Weihnachtsshow geplant, nimmt das Konzept nach und nach außergewöhnliche Konturen an. Mit seinen alten Weggefährten Scotty Moore (Gitarre) und D. J. Fontana (Percussion) an der Seite blüht Elvis beim “Sit Down”-Teil der Show förmlich auf und liefert nebenbei die Blaupause für die Unplugged-Welle der frühen 1990er-Jahre, auch der orchestrierte Part mit Presley in schwarzem Leder zeigt klar, dass der König des Rock’n’Roll noch längst nicht abzudanken gedenkt. In diesem Juni liefert er in den NBC-Studios im kalifonischen Burbank einige der aufregendsten und besten Auftritte seines Lebens ab. Als die Show am 3. Dezember ausgestrahlt wird, sitzen 42% der Amerikaner vor dem Fernseher und bescheren dem Sender damit die höchsten Quoten des Jahres. Und Elvis? Gibt die Filmerei auf und kehrt mit neuen Hits wie “Suspicious Minds” oder “In the Ghetto” kurz darauf zuerst in die Charts und dann auf die Bühne zurück.

Blood, Sweat & Tears LP9. Blood, Sweat & Tears “BLOOD, SWEAT & TEARS” (erschien am 11. Dezember, 1968)

Die Truppe um Al Kooper fasziniert seit 1967 mit einer neuartigen Verschmelzung von Jazz-, Blues- und Rockmusik. BLOOD, SWEAT & TEARS ist bereits das zweite Album der New Yorker Formation aus dem Jahr 1968. Zu diesem Zeitpunkt haben Bandleader Kooper sowie zwei weitere Mitglieder – Randy Brecker und Jerry Weiss – der Band allerdings bereits den Rücken gekehrt. Bobby Colomby (Schlagzeug) und Steve Katz (Gitarre) machen sich auf die Suche nach einem Ersatzsänger und finden mit David Clayton-Thomas den passenden Mann fürs Mikro. Nachdem das erste Album im Februar zwar von den Kritikern hochgelobt wird, jedoch nicht besonders oft über den Verkaufstisch ging, lässt das zweite Werk durch seine deutlich kommerziellere Ausrichtung die Ladenkassen klingeln. BLOOD, SWEAT & TEARS wurde in den damaligen CBS Studios in New York City aufgenommen und gehört zu den allerersten 16-Track-Aufnahmen, die die Öffentlichkeit zu hören bekam. Seine Bedeutung bis in die Gegenwart spiegelt sich nicht zuletzt in der Aufnahme in den Empfehlungsklassiker “1001 Albums You Must Hear Before You Die” (2006).

Nina Simone Nuff Said Album10. Nina Simone “‘NUFF SAID!” (erschien 1968)

Am 4. April 1968 erschüttert die Nachricht vom Tod Martin Luther Kings die Welt: Der amerikanische Baptistenpastor und Bürgerrechtler wird von einem weißen Rassisten in Memphis, Tennessee, erschossen. Nina Simone unterstützte die Bürgerrechtsbewegung von King und Malcolm X in den 60er-Jahren aktiv, ihre Stimme lieferte den Soundtrack zum Black Movement. Das Konzert in der Westbury Music Fair am 7. April 1968, nur drei Tage nach seiner Ermordung, widmete sie King. Es ist einer ihrer kraftvollsten und größten Auftritte. NUFF SAID! enthält mehrere Live-Aufnahmen dieses Abends. Aufhorchen lässt das nach dem Bee Gees Cover “Morning Of My Life” und “Sunday in Savannah” vorgetragene “Backlash Blues”, ein Bürgerrechts-Song, der erstmals auf NINA SIMONE SINGS THE BLUES erschien. Den Höhepunkt aber bildet zweifellos der Titel “Why? (The King of Love Is Dead)”, der hier zum ersten Mal aufgeführt wird. Geschrieben hatte ihn Simones Bassist Gene Taylor, nachdem ihn die Nachricht von Martin Luther Kings Tod erreicht hatte. Der Song ist eine 13-minütige bewegende Offenbarung, eine emotionale Ode an den friedvollen Kämpfer für Gleichheit und Gerechtigkeit. Simone selber indes machte aus ihrer militanten Haltung keinen Hehl: “Der König der Liebe ist tot”, sagte sie. “Ich werde nicht gewaltfrei sein, Schatz!”

Grandiose Auftritte und weitere Songs, die 1968 Geschichte schrieben, könnt ihr in unserer YouTube Playlist “1968 in Music”: sehen:

 

Musik der Generation Woodstock und mehr aus dem legendären letzten 60er Jahr – entdecke unsere “1969 in music” Playlist mit Led Zeppelin, The Who, David Bowie, Donovan, James Brown, Iggy & The Stooges, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jethro Tull, Santana, Elton John, Aretha Franklin und vielen mehr:

Playlist 1969 in music

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