Jul
4
2014

Essay: Die wilden 60er

Feelin’ groovy: Die 1960er Jahre werden zur kulturellen Wasserscheide des Jahrhunderts. Nie waren die gesellschaftlichen Veränderungen tiefgreifender, und nie erlebte die populäre Musik eine nachhaltigere Wachablösung. Kurz: Die Swinging Sixties werden zum Urknall der Popkultur.

von Ernst Hofacker

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Die 1960er Jahre beginnen am 9. Februar 1964, und 73 Millionen Menschen sehen zu. Es ist ein Sonntagabend, als die Beatles zum ersten Mal im US-Fernsehen auftreten. Nach dem Debüt der Liverpooler in der über das CBS-Network landesweit ausgestrahlten „Ed Sullivan Show“ ist die Nation elektrisiert und die bis dahin heile Welt der dortigen Plattenbosse in Schutt und Asche gelegt.

Das Hirn des Pop

Ein Jahr später schon ist der alte Brill-Building-Pop tot. In den US-Charts tummeln sich die Sturmtruppen der British Invasion (Beatles, Rolling Stones etc.), aber auch junge einheimische Bands wie The Byrds. Über all ihnen freilich thront der junge Robert Allen Zimmerman, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Bob Dylan. Er ist so etwas wie Rock-Rebell Elvis Presley, Folk-Legende Woody Guthrie und Literatur-Ikone Arthur Miller in Personalunion. Seine Texte wirken wie Ätzmittel in der porösen Ideologie der Kalten Krieger. Seine Musik rockt, spätestens als er sich 1965 beim Newport-Festival eine elektrische Gitarre umhängt. Und er ist so cool, so sexy wie keiner sonst. Dylan ist das Hirn des Pop.

Als er, ebenfalls im Jahr 1965, Swinging London beehrt, befindet sich dort längst die neue Machtzentrale des Pop. Alles Relevante geschieht nun hier, nicht wie bis dahin in den USA. Bands und Trends kommen von der Themse. Neben den Beatles heißen die Helden der Stunde Stones, Kinks, Who und Cream. Wer es schaffen will, muss den Weg über London gehen. Selbst ein hochbegabtes Genie wie Jimi Hendrix schafft den Durchbruch erst in UK, bevor er von dort aus auch die USA erobert.

San Francisco wird Versuchslabor

In Marketing, Design und Präsentation geht man völlig neue Wege. Selbstbewusst, clever und bohémehaft, wie der Pop sich plötzlich gibt, befreit er sich vom Image der leichtgewichtigen Teenagermusik und findet Zugang zu den Eliten in Kunst und Kultur. Eine eigene Pop-Aristokratie bildet sich heraus, nicht weniger glamourös als die Filmgötter in Hollywood. Auch wirtschaftlich übernimmt eine neue Generation das Ruder. Spätestens 1967 ist Pop poetisch, politisch und psychedelisch. Vor allem in San Francisco, seit je eine liberale Stadt, entwickelt sich eine Szene, die gesellschaftliche Konventionen über Bord wirft, sexuelle Freizügigkeit probt, mit bewusstseinserweiternden Drogen, darunter dem synthetischen LSD, experimentiert und überhaupt zum Versuchslabor für eine – auch musikalisch – neue Kultur wird.

Nach dem Teen-Markt der 1950er entwickelt sich der Underground zur nächsten jugendlichen Zielgruppe. Eine Schlüsselrolle spielte dabei das Beatles-Album SGT. PEPPER’S LONELY HEARTS CLUB BAND. Nie zuvor ist eine Langspielplatte so aufwendig produziert worden, fast jeder Song überrascht mit neuen aufnahmetechnischen Kunstgriffen. Erstmals ist ein Popalbum als Ganzes konzipiert worden, nie ist Popmusik so experimentell, surrealistisch und avantgardistisch gewesen. Weiteres Novum: Im Klappcover sind sämtliche Songtexte abgedruckt. Spätestens jetzt verfolgen Popmusiker einen künstlerischen Anspruch – auch dies ein ganz neues Phänomen.

Überdies wird das Album zum maßgeblichen Medium der Gegenkultur, Werke wie BLONDE ON BLONDE (Dylan), ELECTRIC LADYLAND (Hendrix) oder VOLUNTEERS (Jefferson Airplane) bilden den Stand der Dinge seismographisch genau ab. Das Woodstock-Festival gerät 1969 zum eindrucksvollen Stammestreffen der neuen Kräfte, Film und Album des Events erzielen Millionenauflagen und werden damit ironischerweise zum Fanal für eine konsequente Kommerzialisierung der Pop- und Rockmusik. Die nötigen technischen Komponenten – Compact Cassette, FM-Radio und HiFi-Equipment – stehen inzwischen bereit. Die 1970er Jahre können beginnen.

Übersicht Albumperlen: 50er bis 2000er


JohnsonRobert Johnson
King Of The Delta Blues Singers, 1961
Mehr als zwei Jahrzehnte lang war er vergessen. Erst als Columbia 1961 die 16-Track-Compilation King Of The Delta Blues Singers herausbrachte, begann die Welt die ehrfurchtgebietende Musik von Robert Johnson (1911-1938) zu entdecken. Das Gesamtwerk des geheimnisumwitterten Delta-Bluesmanns, bestehend aus 29 Songs plus zwölf Alternativversionen, ist auf The Complete Recordings erhältlich.

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Dixon

Willie Dixon
I Am The Blues, 1970
Er war der wichtigste Komponist des elektrischen Blues: Willie Dixon (1915-1992) schrieb Klassiker wie „Spoonful“, „Little Red Rooster“ und „Hoochie Coochie Man“, berühmt aber wurden mit seinen Songs andere, Muddy Waters etwa und Howlin’ Wolf. Dixons bekanntestes eigenes Album heißt I Am The Blues und erschien 1970. Die Compilation Poet Of The Blues fasst seine bedeutendsten Songs zusammen.

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Dylan

Bob Dylan
Bringing It All Back Home, 1965
In Europa unter dem Titel „Subterranean Homesick Blues“ erschienen, dokumentiert Bringing It All Back Home Bob Dylans Schritt vom Folkie zum Rocker. Erstmals lässt er sich hier bei Songs wie „Maggie’s Farm“ von einer elektrisch verstärkten Band begleiten. Den internationalen Durchbruch hatte Dylan (*1941) bereits zwei Jahre zuvor mit dem akustischen Album The Freewheelin’ geschafft.

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Donovan

Donovan
The Hurdy Gurdy Man, 1968
Zum Ende der 1960er Jahre löste sich Donovan endgültig von seinem Image als Englands leichtgewichtige Antwort auf Bob Dylan und wandte sich der psychedelisch angehauchten Popmusik zu. Mit Erfolg, The Hurdy Gurdy Man überzeugte, der Titelsong und „Jennifer Juniper“ wurden internationale Riesenhits, desgleichen ein Jahr später das epische „Atlantis“ vom Nachfolger Barabajagal.

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Orbison

Roy Orbison
The Monument Singles: A Sides (1960-1964)
Es waren die goldenen Jahre des Texaners mit der dunklen Brille: Von 1960 bis 1964 nahm er seine Hits für das unabhängige Monument-Label auf, darunter „Oh, Pretty Woman“ und „Only The Lonely“. Sie alle finden sich auf The Monument Singles: A-Sides (1960-1964). Roy Orbison starb 1988 mit nur 52 Jahren, nachdem er gerade sein großartiges Comebackalbum Mystery Girl aufgenommen hatte.

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Hendrix

Jimi Hendrix
Are You Experienced, 1967
Wie der Blitz schlug dieses grandiose Albumdebüt 1967 in der internationalen Szene ein: Are You Experienced stellte alles, was man bis dahin über die Gitarre zu wissen glaubte, auf den Kopf und machte Jimi Hendrix (1942-1970) zum Superstar. Viel Zeit blieb ihm nicht, er nutzte sie u. a. mit Electric Ladyland, seinem Opus Magnum von 1968, und einer unvergesslichen Performance in Woodstock 1969.

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Simon

Simon & Garfunkel
Bookends, 1968
Sie standen für die zarte Seite des Hippietraums: Paul Simon und Art Garfunkel wurden in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre zum erfolgreichsten Gesangsduo des Pop. Ihre Songs wurden Klassiker, zum Beispiel „Mrs. Robinson“ und „A Hazy Shade Of Winter“, beide auf dem wunderbaren Bookends (1968), und die Hits von Bridge Over Troubled Water (1970), darunter „The Boxer“, „Cecilia“ und der Titeltrack.

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Franklin

Aretha Franklin
Aretha With The Ray Bryant Combo, 1961
18 Jahre alt war Aretha Franklin, als sie im Herbst 1960 ihr erstes Album für Columbia aufnahm. Unter den Fittichen von Produzentenlegende John Hammond entstand ein spannender Spaziergang durch das Great American Songbook zwischen Jazz, Pop und Musical – der Start einer Weltkarriere. Großtaten wie „Respect“ (1967) und „Sisters Are Doin’ It For Themselves“ (von Who’s Zooming Who, 1985) folgten.

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Winter

Johnny Winter
Johnny Winter, 1969
Man war auf der Suche nach dem nächsten Gitarrengott – und fand einen dürren Texaner namens Johnny Winter. Tatsächlich war er ein Mann des Blues, den er auf den sechs Saiten beherrschte wie kein Zweiter. Sein explosives Debüt Johnny Winter demonstrierte das eindrucksvoll, das nicht minder leidenschaftliche Nachfolgewerk Second Winter rockte und rollte ihn dann endgültig zu Starstatus.

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Airplane

Jefferson Airplane
Volunteers, 1969
Neben Grateful Dead galt die San-Francisco-Band Jefferson Airplane als Bannerträger des Psychedelic Rock. Im Woodstock-Jahr veröffentlichte die Gruppe um Frontfrau Grace Slick mit der zornigen Songsammlung Volunteers so etwas wie ein Manifest der Gegenkultur. Berühmt geworden waren JA 1967 mit Surrealistic Pillow, den darauf enthaltenen Hits „Somebody To Love“ und „White Rabbit“ sowie dem Album Crown Of Creation.

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