Jul
4
2014

Essay: Die hyperaktiven 90er

Hyper hyper: Während sich die Rockmusik in den 1990er Jahren wieder einmal auf ihre Wurzeln besinnt und Kurt Cobain zum tragischen Helden des Grunge wird, etablieren sich mit Techno und HipHop zwei neue Strömungen im Pop-Mainstream.

von Ernst Hofacker

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„Here we are now, entertain us!“ So lautet der Schlachtruf des Rock im Jahr 1991. Absender: eine zornige Band aus Seattle namens Nirvana. Ihr Leadsänger: Kurt Cobain. Er wird zur tragischen Symbolfigur der „Generation X“ (Douglas Coupland). Grunge nennt sich die Bewegung, weitere Helden heißen Soundgarden und Pearl Jam. Der labile Cobain zerbricht am Druck des Popstar-Daseins und nimmt sich am 5. April 1994 das Leben. Die Plattenindustrie versieht die Reste der Bewegung mit dem neuen Etikett Nu Metal und klebt es auf junge Bands, die das Grunge-Erbe nun zum populären, stilistisch offenen und in Richtung Pop zielenden Gitarrenrock erweitern. Zu den neuen Stars zählen Korn, Limp Bizkit, Foo Fighters und Green Day.

Schrulliges von der Insel

Derweil rockt auch das Königreich. Junge Musiker kombinieren dort kompaktes Sixties-Songwriting mit dem Rave-Geist der „Madchester“-Szene. Wegbereiter des modernen Britpop werden The Stone Roses und Suede, Mitte der 1990er jedoch übernehmen Blur und Oasis mit den streitbaren Gallagher-Brüdern das Zepter. Künstlerischen Sonderstatus genießen Radiohead, die das traditionalistische Konzept mit Elementen aus experimenteller Musik und Elektronik aufbrechen und so zur einflussreichsten englischen Band dieser Dekade werden.

Im großen Konzert des Pop ist der Rock jedoch nur noch eine von vielen Stimmen. Techno wird in der ersten Hälfte der 1990er Jahre zur maßgeblichen Jugendkultur und die „Love Parade“ zum jährlichen Szenekarneval mit Massenappeal. Letztlich aber bleibt die kreative Elektroszene vom Ausverkauf verschont und kann sich zu neuen Ufern und einem differenzierten Sammelsurium von Subgenres und Stilen weiterentwickeln.

HipHop übernimmt

Der mit Abstand wichtigste Faktor im Pop der 1990er Jahre indes ist der HipHop. Zunächst in den USA, später auch im Rest der Welt, gelangt der Stil nach Pioniertaten wie denen von Public Enemy, die ihm mit IT TAKES A NATION OF MILLIONS TO HOLD US BACK (1988) ein Manifest schenken, an die Chartspitze. Schnell entwickeln sich zwei große Rap-Lager, das eine an der East Coast mit dem Wu-Tang Clan, das andere in Kalifornien mit Talenten wie Dr. Dre und Snoop Dogg. Zur beherrschenden Variante steigt der Gangsta-Rap auf, der die trostlose und von Arbeitslosigkeit, Gewalt und Drogenhandel bestimmte Lebenswirklichkeit in den schwarzen Vierteln amerikanischer Großstädte thematisiert.

East- und Westcoast geraten bald in eine fatale Dynamik aus gegenseitig suggerierten Feindbildern. Die explosive Situation gipfelt 1996/97 in den Morden an zwei Gallionsfiguren, Tupac Shakur und Notorious B.I.G. In beiden Fällen können die Täter nicht ermittelt werden. Der Schock der Todesfälle ernüchtert die verfeindeten Lager, fortan kümmert man sich lieber um den Dollar – HipHop, nun auch offen für Pop-Einflüsse, wird zur Multimillionen-Industrie.

Die Dinos sind zurück

Derweil bedient die Popmusik neben einem jungen Publikum längst auch eines, das mit ihm in die Jahre gekommen ist. Folglich erleben in den 1990er Jahren Veteranen wie die Rolling Stones, Paul McCartney, Pink Floyd und AC/DC erstaunliche Comebacks. Lediglich eine Hand voll zeitgenössischer Acts, darunter Michael Jackson, die irischen U2, Bon Jovi, Metallica und Bruce Springsteen kann mit den immer aufwendigeren Stadiontourneen der Altvorderen mithalten.

Die Krise der Tonträgerindustrie beginnt da bereits ihre Schatten vorauszuwerfen. Der Personal Computer, bis dahin teures Spielzeug einer technischen Elite, zieht in die Haushalte ein. Mit ihm das Internet, das das Leben der Menschheit so grundlegend verändert wie wohl zuletzt der elektrische Strom. Ein weltweites Netzwerk entsteht, das den angeschlossenen Rechnern den Austausch von Dateien ermöglicht. 1997 nutzen es gerade 6,5 Prozent (4,1 Millionen) der Deutschen ab 14 Jahren, im Jahr 2000 beträgt der Anteil bereits 28,6 Prozent (18,3 Millionen). Für die Plattenindustrie wird sich nun rächen, dass sie mit der Digitalisierung ihr Produkt verlustfrei kopierbar gemacht hat.

Übersicht Albumperlen: 50er bis 2000er

 

 

Cash

Rosanne Cash
Interiors, 1990
An der Schnittstelle von Country, Singer/Songwriter und Rock gehört Johnnys Tochter zu den Großen: Bereits mit King’s Record Shop hatte sie das im Jahr 1987 eindrucksvoll gezeigt, mit Interiors aber gelang der damals 35-jährigen Rosanne Cash 1990 ein Meisterwerk. In zehn Songs verarbeitete sie darauf ihre gescheiterte Ehe mit Songwriter Rodney Crowell. Intensiv, berührend, leidenschaftlich!

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Atkins

Chet Atkins
Neck And Neck, mit Mark Knopfler, 1990
Gipfeltreffen zweier Meister: Chet Atkins prägte mit seiner Gitarre schon die frühe Rock- und Countrymusik, Mark Knopfler brachte es mit den Dire Straits und seinem einzigartigen Gitarrensound ab 1978 zu Starruhm. Hier inspirierten sich beide gegenseitig zu ungeahnten Höhenflügen. Weitere wunderbare Atkins-Kollaboration: The Day Finger Pickers Took Over The World (1997) mit Tommy Emmanuel.

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Preachers

Manic Street Preachers
The Holy Bible, 1994
Ein großer Erfolg war dem letzten Album, das die walisischen Manic Street Preachers mit ihrem Gitarristen Richey Edwards aufnahmen, bevor der am 1. Februar 1995 auf mysteriöse Weise verschwand, nicht vergönnt; die Verkäufe blieben bescheiden. Inzwischen aber gilt The Holy Bible – neben Everything Must Go von 1996 – als Schlüsselwerk und Höhepunkt im Schaffen der Alternative-Rocker.

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Apple

Fiona Apple
Tidal, 1996
Die New Yorkerin war gerade erst 19 Jahre alt, als sie die Welt 1996 mit ihrem Debüt Tidal aufhorchen ließ. Ihr Vortrag ließ Ängste und Abgründe spüren und blieb doch souverän und voller Musikalität. Mit dem 1999 erschienenen When The Pawn Hits The Conflicts löste sie das große Versprechen ihres Erstlings ein und etablierte sich als eine der besten Singer/Songwriterinnen ihrer Generation.

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Aerosmith

Aerosmith
Nine Lives, 1997
Mehrfach schon haben Aerosmith bewiesen, dass sie über neun Leben verfügen. Nach ihrem Durchbruch mit Toys In The Attic (1975) und dem Welthit „Walk This Way“ hatten Steven Tyler & Co. alle Höhen und Tiefen erlebt. 1997 dann legten sie mit Nine Lives ihr 12. Studioalbum vor – vorläufiger Höhepunkt eines zweiten Frühlings, der seit den frühen 1990ern anhielt, und Platz 1 in den USA!

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Dylan

Bob Dylan
Time Out Of Mind, 1997
Am 30. September 1997 veröffentlichte Bob Dylan, sieben Jahre nach Under The Red Sky, wieder ein Studioalbum mit eigenen Songs: Time Out Of Mind, von der Kritik hochgelobt und mit drei Grammys ausgezeichnet, wurde für den legendären Songwriter zum Aufgalopp in ein atemberaubendes Spätwerk, das noch Meisterwerke wie Love And Theft (2001) und Modern Times (2006) hervorbrachte.

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Chicks

Dixie Chicks
Wide Open Spaces, 1998
Mit dem Wechsel zum Branchenriesen Columbia platzte der Knoten: Auf ihrem vierten Album trimmten die Dixie Chicks, bis dahin eine reine Bluegrass-Band, ihr Repertoire in Richtung Mainstream – mit Erfolg. Wide Open Spaces schaffte den Sprung in die US-Top-Ten, verkaufte millionenfach und etablierte die drei Texanerinnen an der Spitze des Country-Pop. Ihr größter Erfolg, Home, folgte 2002.

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Buckley

Jeff Buckley
Sketches For My Sweetheart The Drunk, 1998
Zu Lebzeiten veröffentlichte Jeff Buckley (1966-1997) nur ein einziges Album, das hochgelobte Grace von 1994. Drei Jahre später, am 29. Mai 1997, ertrank der talentierte Sänger („Hallelujah“) im Mississippi bei Memphis. Zu diesem Zeitpunkt steckte er gerade mitten in der Produktion seiner nächsten Platte. Posthum erschienen die Songs 1998 unter dem Titel Sketches For My Sweetheart The Drunk.

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Hill

Lauryn Hill
The Miseducation Of, 1998
Berühmt geworden war sie als Sängerin der Fugees, die 1996 mit einer HipHop-Version von Roberta Flacks „Killing Me Softly With His Song“ und dem Album The Score einen Welthit gelandet hatten. 1997 trennte sich die Gruppe, und Lauryn Hill (*1975) startete solo durch. Ihr Debüt The Miseducation Of sprang am 30. August 1998 in den US-Charts von null auf Platz eins und wurde zum Dauerbrenner.

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Santana

Santana
Supernatural, 1999
Nach der Grammy-Verleihung am 23. Februar 2000 ging Carlos Santana (*1947) mit acht (!) Trophäen nach Hause. Sein Album Supernatural, das Gäste wie Eric Clapton, Lauryn Hill und Rob Thomas präsentierte, hatte ihm nach langer Flaute wieder Hits und Millionenumsätze beschert. Seitdem gilt der Gitarrist, der zuletzt auf Corazón (2014) seine mexikanischen Wurzeln pflegte, als Gigant des US-Rock.

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