Jul
4
2014

Essay: Die goldenen 50er

Shake, rattle & roll: Vor 60 Jahren gab Elvis Presley mit „That’s All Right“ den Startschuss für den Rock’n’Roll. Aber nicht nur kulturell, auch sozial und politisch erlebte die Welt in den 1950er Jahren einen Umbruch – die Nachkriegsgeneration hatte sich Liberalisierung, Emanzipation und Individualismus auf die Fahnen geschrieben.

von Ernst Hofacker

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Es war ein Montag: Am 5. Juli 1954 nahm der 19-jährige Elvis Presley in den legendären Sun Studios von Sam Phillips in Memphis, Tennessee, den alten Arthur-Crudup-Hit „That’s All Right“ auf. Er entzündete damit einen Flächenbrand, der sich rasend schnell über die USA verbreiten sollte.

Die Spur dieser nun lautstark über Amerika hereinbrechenden Rock’n’Roll-Revolution lässt sich am besten an ihrer Schlüsselfigur verfolgen. 1955 wechselt Presley zum Branchenriesen RCA – und nur drei Jahre später kann er eine atemberaubende Bilanz vorweisen: zehn Nr.-1-Hits, vier Kinofilme, vier Cadillacs, darunter ein goldener, ein Luxusanwesen namens „Graceland“, die ehemalige Präsidentenyacht „Potomac“ und eine ausgewachsene Merchandising-Industrie.

Die jungen Wilden

In Elvis’ Windschatten haben sich zudem jede Menge neue Stars etabliert: Sie heißen Jerry Lee Lewis, Chuck Berry, Buddy Holly, Little Richard und Eddie Cochran. Und sie rocken. Sentimentales Zeug freilich geht ebenfalls, die Singles von Doris Day, Paul Anka und Pat Boone werden nicht weniger gekauft, nur weil plötzlich ein paar Wildgewordene „awop-bop-alop-bop-alop-bam-boom“ grölen. Oft genug stehen diese Platten in den Teenie-Zimmern sogar einträchtig neben denen der Rock’n’Roller. Zu den einen kann man tanzen, zu den anderen träumen. Entscheidend nur: Die Baby Boomer der 1950er Jahre, aufgewachsen in Friedenszeiten und in einer prosperierenden Wirtschaft, bilden nun zum ersten Mal in der Geschichte ein eigenes Marktsegment. Und kein kleines: Teenager sind plötzlich die begehrteste Zielgruppe. Sie stehen auf Musik. Ihre ganz eigene allerdings.

Dennoch verschwindet der Rock’n’Roll, jener in den späten 1940ern, frühen 1950ern entstandene Hybrid aus schwarzer R’n’B-Vitalität und weißem C&W-Sentiment, schon zum Ende des Jahrzehnts wieder aus den Hitparaden. 1960: Elvis ist bei der Army brav geworden, Buddy Holly und Eddie Cochran sind tot, Jerry Lee Lewis öffentlich unten durch, weil er seine 13-jährige Cousine geheiratet hat, Chuck Berry muss in den Knast, Little Richard hat Gott gefunden und Gene Vincent sein Pulver verschossen.

Der Hall nach dem Knall

Was indes die wenigsten erkannt haben: Der Rock’n’Roll und seine Kohorten haben die Unterhaltungsindustrie nachhaltig verändert, auch weil seine Fans zur ersten Generation der Geschichte gehören, die in einer allgegenwärtigen Medienwelt aufgewachsen ist – inklusive Fernsehen, Plattenspieler und Transistorradio. Erstmals haben schwarze Musiker den Schritt in den Pop-Mainstream geschafft. Und: Wie die Beispiele von Sun, Chess und Atlantic Records zeigen, werden die entscheidenden Trends in der populären Musk nun nicht mehr von den etablierten Majors, sondern von kleinen, wendigen Independent-Labels angestoßen. Eine Demokratisierung der Unterhaltungsbranche ist die Folge. Die großen Musikverlage und Plattenproduzenten haben nicht mehr allein das Sagen, erstmals in der Geschichte haben auch unbekannte Künstler aus der Provinz eine Chance. Die überlebensgroße Gallionsfigur für alle diese Entwicklungen heißt Elvis Presley. Er gibt der Popmusik ihren Unterleib, und er wird zu ihrem ersten Weltstar.

Überdies bedeutet Rock’n’Roll bald viel mehr als nur Musik. Zunehmend wird der Begriff auch für ein Lebensgefühl stehen, das gesellschaftlichen Emanzipationsbestrebungen und der zunehmenden Individualisierung des Daseins Rechnung trägt. Die amerikanischen Beat-Literaten, die Regisseure des Film Noir, Philosophen wie Sartre, selbst Jazz-Freigeister wie Miles Davis und John Coltrane – sie alle drängen auf den Wandel. Als das alte Jahrzehnt zu Ende geht, ist jedenfalls nichts mehr wie zuvor. Die Saat von Elvis, Chuck, Buddy und Jerry Lee wird bald schon aufgehen.

Übersicht Albumperlen: 50er bis 2000er

 

60_Jahre_RnR_Podest_2_ArmstrongLouis Armstrong
Plays W.C. Handy, 1954
Der wohl größte Jazzmusiker des 20. Jahrhunderts kehrt hier an den Ausgangspunkt seiner musikalischen Reise zurück und widmet sich dem Blues und dem Erbe von W. C. Handy, der einst den „St. Louis Blues“ geschrieben hat. Mit seinen Allstars war Louis Armstrong (1901-1971) in den 1950er Jahren auf der Bühne überdies das Maß der Dinge, zu hören u. a. auf The Great Chicago Concert von 1956.

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Brubeck

Dave Brubeck
Jazz Goes To College, 1954
Mitgeschnitten im Frühling 1954 während einer Tournee durch amerikanische Universitäten, markiert dieses brillante Livealbum Dave Brubecks (1920-2012) Durchbruch. Die wohl berühmteste Arbeit des intellektuellen Brillenträgers aus dem kalifornischen Städtchen Concord, Time Out von 1959 mit dem legendären „Take Five“, einem der bekanntesten Jazzstücke aller Zeiten, lag da noch vor ihm.

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Reinhardt

Django Reinhardt
On Vogue – Complete Edition 1934-51
Für das Vogue-Label spielte der legendäre Sinti-Gitarrist mit dem Hot Club de France in der Zeit von 1934 bis 1951 einige seiner wichtigsten Aufnahmen ein. Auf On Vogue – Complete Edition sind sie auf acht CDs dokumentiert, darunter auch die berühmten Ultraphone-Sessions von 1934/35. Wer’s nicht ganz so opulent möchte, greife zu der 1-CD-Compilation Djangology!

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Presley

Elvis Presley
Elvis Presley, 1956
Elvis Presleys (1935-1977) Debüt bietet – neben dem ikonographischen Cover – einen faszinierenden Blick auf den jungen Bilderstürmer aus Memphis. Neben „Blue Suede Shoes“ und „Tutti Frutti“ gibt es Tracks zu hören wie „I Got A Woman“ und „Blue Moon“, die die Wurzeln des King in Gospel, Broadway und Bluegrass offenlegen. Die dann folgende Hitflut ist auf Elv1s: 30 No. 1’s dokumentiert.

Lesen Sie hier den Legacy-Beitrag Elvis Presley: Elvis covert Songperlen

Cash

Johnny Cash
The Fabulous Johnny Cash, 1958
Johnny Cashs (1932-2003) Columbia-Debüt zeigt seinen berühmten „Boom Chicka Boom“-Sound in voller Blüte. Songs wie „I Still Miss Someone“ und „Don’t Take Your Guns To Town“ gehören zum Besten, was der spätere Godfather of Country produziert hat. Kaum zu glauben: Die legendären Livealben aus Folsom Prison (1968) und San Quentin (1969) waren da noch eine ganze Dekade entfernt…

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Davis2

Miles Davis
Miles Ahead, 1957
Ein Meilenstein in der an Großtaten reichen Karriere dieses Ausnahmemusikers: 1957 startete Miles Davis (1926-1991) seine Zusammenarbeit mit dem Arrangeur Gil Evans. Die ebenso elegante wie intensive Kunst von Miles Ahead war das erste Ergebnis, Highlights wie Porgy And Bess sowie Sketches Of Spain sollten folgen. 1959 gelang Davis mit Kind Of Blue das bestverkaufte Jazzalbum aller Zeiten.

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Holiday

Billie Holiday
Lady In Satin, 1958
Zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung war dieses Album wegen der breitflächigen Streicherarrangements von Orchesterchef Ray Ellis umstritten, heute aber gilt es als eine der eindringlichsten Arbeiten im Spätwerk von Billie Holiday (1915-1959). Einen nahezu umfassenden Überblick über die Karriere der größten aller Jazzsängerinnen gibt die 3-CD-Retrospektive The Real Billie Holiday.

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Reeves

Jim Reeves
Girls I Have Known/The Intimate Jim Reeves, 1958
Der 1923 in Texas geborene Jim Reeves gehört zu den wichtigsten Pionieren der frühen Nashville-Szene. Alben wie Girls I Have Known (1958) und The Intimate Jim Reeves (1960) ebneten der hinterwäldlerischen Country & Western-Musik den Weg in den Mainstream. Einen Überblick über das Werk des 1964 bei einem Flugzeugabsturz umgekommenen Sängers bietet The Real Jim Reeves.

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Belafonte

Harry Belafonte
At Carnegie Hall, 1959
Mit Calypso und dem darauf enthaltenen Hit „Day-O (The Banana Boat Song)“ landete der 1927 in New York geborene Harry Belafonte 1956 den ersten Millionenseller der Geschichte. Drei Jahre später setzte er einen erneuten Markstein, als er mit At Carnegie Hall das erste erfolgreiche Livealbum der Schallplattengeschichte veröffentlichte. Highlight: die kochende 12-Minuten-Party mit „Matilda“.

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Robbins

Marty Robbins
Gunfighter Ballads And Trail Songs, 1959
In seiner mehr als 30-jährigen Karriere beackerte Marty Robbins (1925-1982) ein breites Feld, das von Country über karibischen Folk bis hin zu gediegenen Broadway-Balladen reichte (nachzuhören auf The Essential Marty Robbins). Seinen größten Erfolg aber feierte der Mann aus Arizona 1959 mit dem Album Gunfighter Ballads And Trail Songs, einer kurzweiligen Sammlung traditioneller Westernsongs.

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